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Birmingham - der zweite Tag
Von Sascha RecktenwaldSollte ich den Eindruck erweckt haben, ich wäre Vorurteilsbehaftet – bitte entschuldigt dies. Aber Nebel und Regen haben hier im United Kingdom derzeit das Sagen. Ich liebe es nun einmal, wenn Vorurteile sich bestätigen. Und so sitze ich auch innerlich grinsend nach meiner ersten Hotelnacht im Frühstücksraum. Von dem gestrigen allgemeinen Besäufnis an Ort und Stelle (wieder ein Vorurteil) ist nichts mehr zu sehen. Dafür findet sich mitten im Raum ein Büffet wieder. Es gibt – und dies erklärt meine inner Heiterkeit – englisches Frühstück. Nein, Wildschwein in Pfefferminzsoße bleibt mir (noch) erspart. Dafür gibt es baked beans, ham & eggs sowie Cornflakes. Vitaminfanatiker erfreuen sich über Orangensaft und gekochte Tomaten. Ihrem Whirlpool enthoben sehen sie aus wie Inge Meysel mit Sonnenbrand. Dazu wird mir Toast und Butter (Skandal: nicht gesalzen!) gereicht. Ich verlasse, mit einer einverleibten Monatsration Fett, den Essenssaal und lasse mir an der Rezeption den Weg zur Bushaltestelle erklären.

Portland Hotel, Hagley Road 313, Birmingham
Glücklicherweise kann ich doch noch ein Taxi stoppen. Der Fahrer verspricht mir die verstopften Hauptstraßen zu meiden und in den kommenden Minuten führt er mich durch begrünte Stadtteile mit der typisch englischen Reihenhausbauweise. Eine gute Stunde nach verlassen meiner Unterkunft stehe ich vor dem Rathaus, dem Council House, einem majestätischen Bau aus dem 19. Jahrhundert.

Birmingham City Council Chambers (Council House)

Vorlesungssaal im Council House
Die schwedische Neuropädiaterin Dr. Eva Kimber, vom Uppsala University Childrens Hospital, hält den ersten Vortrag des Tages. Die Amyoplasia als „klassische” Arthrogryposis sowie die zehnfache Unterteilung der distalen Arthrogryposis (distal = fern; anatomische Lagebezeichnung die von der Körpermitte weg gerichtet bedeutet) sind ihre Themen. Dr. W. L. Martin vom Birmingham Women?s Hospital folgt mit seinem Vortrag über pränatale Diagnostik. Hier spielen, wie schon im Beitrag von Dr. Kimber, die Beschaffenheit der Muskeln bei AMC-Patienten eine große Rolle. Es folgen die Präsentationen aus Neonatologischer Sicht (Dr. Imogen Morgan, Consultant Neonatologist des Birmingham Women's Hopital) sowie neuromuskulärer Beurteilung des Krankheitsbildes AMC (Dr. Helen Roper, Kinderärztin, Heart of England NHS Trust). Gegen elf kann ich vorerst aufatmen. „Coffee” steht auf dem Programm. Ich packe meinen neuen besten Freund, das englischsprachige Wörterbuch, in die Tasche und folge meinen Mithören wieder zurück in den Saal in dem man mich ein paar Stunden vorher so herzlich empfangen hat.

„Dining room” und Informationsstand (rechts)

Infostand
Die Klinikpsychologin des Birmingham Childrens Hospital, Dr. Julie Reed, berichtet über mögliche psychische Folgen bei behinderten Kindern. Vor der Mittagspause referiert Ms. Ellen Bird über Arthrogryposis aus Sicht des Patienten. Die 27jährige Engländerin berichtet – dem gespannt lauschenden Publikum – über ihr Leben aus Sicht eines normalen Teenagers und aus Sicht des AMC-Patienten.
Hungrig freue ich mich über die beginnende Mittagspause und stürze mich dezent auf das Büffet.
Ein weiteres Highlight wird der Vortrag von Dr. Ebube Obi, Augenärztin aus Glasgow. Sie berichtet über die Gefahren der Augenaustrocknung bei Lidfehlstellung und weiterer opthalmologischer Erkrankungen bei AMC
Es ist halb sechs als ich des Council House verlasse. Ich habe nun anderthalb zur freien Verfügung und das große Glück, einen traumhaften Abend erleben zu können. Bei milden Temperaturen und Abendsonne schlendere ich durch die an das Tagungsgebäude angrenzenden Fußgängerzonen. Birmingham ist die zweitgrößte Stadt in England. Im Herzen des Landes gelegen, hat die ehemalig bedeutendste Industriestadt eine Million Einwohner. Überraschend: In dieser Stadt findet man mehr Bäume als in Paris, und die zahlreichen Kanäle sind insgesamt länger als die Venedigs. Das hätte wohl keiner von einer Industriestadt angenommen! Außerdem hat die Stadt mit einer renommierten Universität aufzuwarten, die über ein vielfältiges Kursprogramm, einen wunderschönen Campus und ein gutes Ambiente verfügt.

Birmingham City, nähe New Street und Council House
Gegen halb elf übermannt mich die Müdigkeit. Ich verlasse den Tagungsort und schlendere in Richtung Bushaltestelle. Das berüchtigte englische Wetter hat auch Feierabend und so genieße ich die angenehmen spätsommerlichen Temperaturen, die in Birmingham herrschen.
Im Hotel hat man meine Reservierung immer noch nicht gefunden und den Hotelmanager habe ich wieder verpasst. Dennoch bekomme ich anstandslos mein altes Zimmer wieder zugewiesen. Die BBC bietet mir heute keine angemessene Unterhaltung und so schlafe ich direkt ein.